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Interview mit Pater Attilio Stra im Juli 2008, DON BOSCO MAGAZIN

"In Haiti sind die Menschen glücklich, wenn sie eine richtige Mahlzeit am Tag haben."

Quelle: DON BOSCO MAGAZIN, Interview mit Pater Attilio Stra im Juli 2008

Don Bosco Mission: Wie wirkt sich die schwierige Geschichte Haitis auf die heutige Situation aus? Pater Stra: Seit 200 Jahren erlebt Haiti nun immer wieder Gewalt. Haiti, die erste schwarze Republik der Welt, erlangte 1804 seine Unabhängigkeit durch einen gewalttätigen Aufstand. Ja, man kann sagen, dass dies der Gründungsakt Haitis war - töten und niederbrennen. Anfangs war es um die Sklaverei abzuschaffen, aber vielleicht hat sich der Geist dieser Gewalt bis heute gehalten. Nach dem Ende der Diktatur unter dem Duvalier-clan, wollten die Präsidenten den Wählern gefallen. Daher haben sie ein paar sehr unkluge Entscheidungen getroffen und einen Großteil der Steuereinnahmen zum Fenster rausgeworfen. Natürlich wurde so die Wirtschaft ruiniert und so wurde es billiger, Lebensmittel und andere Güter von außen zu importieren als selbst zu produzieren. Um sich trotzdem an der Macht zu halten, haben die Machthaber Waffen an Jugendbanden in Port-au-Prince verteilt. Diese wurden nie wieder eingesammelt. Das ist unsere heutige Situation: Extreme Armut, Gewalt und Chaos. Don Bosco Mission: Welche Auswirkungen hat die wirtschaftliche Lage auf das Leben in Haiti? Pater Stra: Nach vielen Jahren der Misswirtschaft ist die Inlandsproduktion nahezu bei null. Daher verlassen immer mehr ehemalige Kleinbauern ihre Farm. Früher gab es drei Zuckerraffinerien in Haiti - heute haben wir keine mehr. Es scheint viel leichter und billiger, Zucker zu importieren. Mittlerweile sind zwei Drittel der Menschen arbeitslos. Durch die extreme Armut auf dem Land, herrscht große Landflucht in die Städte. Die Folge sind riesige Shanty Towns (Slums). Port-au-Prince hat furchtbare Slums - ohne Wasser, ohne Abwasserentsorgung, ohne Elektrizität, sogar ohne Straßen. Es ist mühsam, sich durch die schmalen Wege der Shanty Towns zu kämpfen. Haiti überlebt nur noch wegen der Gelder, die Familienmitglieder aus dem Ausland überweisen, vor allem aus den USA oder Kanada. Alle schicken ein wenig Geld nach Hause - nicht viel, nicht genug um ein anständiges Leben zu führen, aber genug um zu überleben. So sieht das Leben in Haiti aus: Die desolate wirtschaftliche Lage und mit der Armut kommt der Hunger - aber auch Wut! Gerade die Jugend ist wütend - sie haben fast keine Hoffnung mehr. Don Bosco Mission: Haiti ist gerade im Bezug auf die Lebensmittelkrise wieder in unsere Schlagzeilen geraten. Erzählen Sie uns mehr von dem Hunger in Haiti. Pater Stra: Man merkt es wirklich wenn man durch das Land reist. Wir reden viel in Haiti, nicht so wie hier in Europa, hier geht jeder seinen Weg. In Haiti redet unterwegs jeder mit jedem. Wenn man den Menschen unterwegs zuhört, ist das einzige Gesprächsthema Essen, Lebensmittel - Geld für Essen aufbringen. Das fällt mir wirklich auf, wenn ich öffentliche Verkehrsmittel benutze. Überall ist Essen Thema Nummer eins. Bei uns bekommt nur jeder Dritte genug Nahrung. Also sind zwei Drittel unterernährt, ihnen fehlen Lebensmittel und vor allem Kalorien. Chronischer Kalorienmangel ist langfristig besonders schlimm, da durch Unterernährung auch die Gehirnleistungen nachlassen. Stellen Sie sich das vor, wie die Intelligenz eines ganzes Volks nachlässt! Das ist furchtbar. Trotzdem, der Kampf ums Überleben ist wirklich beeindruckend. Vor allem in den Familien - nur 10 Prozent der sind vollständige Familien. In Haiti wächst fast kein Kind mit einem Vater auf, die Kinder kennen ihn nicht, oder er ist tot. Und die Mutter muss die ganze Arbeit erledigen. Von morgens bis abends muss sie arbeiten wenigstens eine Mahlzeit auf den Tisch bringen zu können. In Europa gibt es drei bis vier Mahlzeiten pro Tag. In Haiti sind die Menschen glücklich, wenn sie eine richtige Mahlzeit am Tag haben. Sie sehen, alle Menschen in Haiti kämpfen um zu überleben. Don Bosco Mission: Welchen Zusammenhang sehen sie zwischen Armut, Arbeitslosigkeit und Gewalt? Pater Stra: Aus der Wut folgt Gewalt. In dieser explosiven Situation haben natürlich auch die Industrie und die Fabriken das Land verlassen. Wir hatten hier mehr als eine halbe Millionen Jobs - jetzt sind es vielleicht noch 20.000. Unser Land leidet unter der Gewalt, unter den Überfällen… Wenn man nichts tun kann, dann reagiert man trotzdem. Die Menschen hier reagieren mit Drogen, Gewalt, Entführungen und Prostitution. Irgendetwas, was dir hilft zu überleben. Es ist eine Art sich um ihr Leben zu kümmern. Die Menschen in Port-au-Prince arrangieren sich mit dieser Situation, weil sie Angst haben. Und sie haben keine Vorbilder, keine Anführer, die Visionen haben- viele Menschen reden und reden, aber dabei bleibt es. Gewalt, Armut und Korruption - das ist ein wirklich gefährlicher Cocktail. Don Bosco Mission: Wie wirkt sich die tagtägliche Gewalt auf Ihre Arbeit aus? Pater Stra: In meinem Haus sind wir sechs Salesianer. Vier von uns wurden schon entführt. Für zwei mussten wir eine Menge Geld bezahlen, um sie frei zu kaufen. Auch ich bin bereits entführt worden. Allerdings hatte ich Glück, als meine Entführer mich in ihre Hütte brachten, erkannte mich ihr Anführer. Es war ein Junge, den ich einmal aus dem Gefängnis geholt hatte. Er sagte zu mir "Nein! Du nicht. Du hast mich aus dem Gefängnis geholt. Nimm deine Sachen und geh." Diese Entführungen sind wirklich schlimm. Mittlerweile werden sogar kleine Kinder entführt. Mädchen und Jungen auf dem Weg zur Schule, manchmal kommen die Entführer sogar in das Haus. Sie nehmen die Babys mit und man muss bezahlen. Wenn man nicht zahlt, bringen sie ihr Opfer um. Normalerweise töten sie in drei Situationen a) wenn man nicht bezahlt b) wenn man seinen Entführer erkennt und c) wenn man mit der Polizei spricht. Viele Leute kennen jemanden der entführt wurde, aber sie bringen das nicht zur Anzeige, weil es wirklich gefährlich ist mit der Polizei zu sprechen. Don Bosco Mission: Wie setzt in dieser Situation die Arbeit der Salesianer an? Pater Stra: Hier leben viele Jugendliche die leben wollen. Sie wollen leben und sie verdienen es zu leben. Sie haben aber nichts um zu leben, daher fangen sie mit Drogen, Überfällen und Prostitution an. Das sind die Jugendlichen, die zu uns kommen. Wenn man von Straßenkindern redet, denkt man oft an jüngere Kinder, aber ich arbeite mit Jungen und Mädchen die etwa 16 Jahre oder älter sind. Und es sind unglaublich viele - mehr als 250 kommen jeden Tag zu uns. Und wenn es mal einen Tag frei gibt, wissen Sie, wie diese Jugendlichen reagieren? Sie sagen "Pater Attilio, ein Tag mehr ohne Essen!" Ich erinnere mich daran, dass ich mich als kleiner Junge über jeden freien Tag in der Schule gefreut habe -man hat Zeit um zu spielen. Und für sie? Obwohl es gut ist, diesen jungen Menschen zu helfen- wie sieht ihre Zukunft in Haiti aus? Stellen Sie sich diese Lage vor, morgen, nächsten Monat oder in einem Jahr - was will man ihnen geben? Wie können wir ihnen helfen ein richtiges Leben zu führen? Manchmal ist es wirklich schwierig, weil man nicht all ihre Probleme lösen kann. Wir können sie ausbilden, wir können sie vorbereiten, aber die Gesellschaft muss auch etwas tun, um eine Umwelt zu schaffen, in der Jugendliche leben können. Diese Straßenkinder sind gebrandmarkt. Sie haben ein soziales Stigma. Ich fühle mich manchmal wie vor einer Mauer, einer großen Steinmauer. Das ist der bittere Teil unserer Arbeit. Und manchmal ist den Jugendlichen die Situation bewusst. Wo ist ihre Zukunft? Was werden sie morgen machen? Auch die Organisationen, die uns helfen, fragen nach Resultaten. Das ist auch richtig so, aber manchmal gibt es einfach keine Resultate. Wie sollen die Straßenkinder einen Job finden, wenn 70 Prozent der Bevölkerung arbeitslos ist? Don Bosco Mission: Wie genau sieht Ihre Arbeit aus? Wie arbeitet Don Bosco in Haiti? Pater Stra: Wir machen uns die Lage der Straßenkinder bewusst, zeigen Mitgefühl mit ihnen. Man muss versuchen, sich so zu fühlen, wie sie sich fühlen, versuchen zu ihnen hinzugehen, weil sie nicht von sich aus zu uns kommen. Einige unserer 52 Mitarbeiter arbeiten auf der Straße. Man kann nicht einfach aus einem klimatisierten Büro heraus mit Straßenkindern arbeiten - man muss wirklich dahingehen, wo sie leben, wo sie leiden, wo sie kämpfen, aber auch dahin, wo sie Spaß haben. Man muss sie so akzeptieren. Es ist der Punkt an dem wir ansetzen, nicht der Status Quo. Die Mädchen und Jungen sehen, dass uns ihre Wirklichkeit wichtig ist; sie sehen, dass wir zu ihnen kommen, dass wir bleiben, uns Zeit nehmen; dass wir mit ihnen reden. Wir brauchen den Kontakt mit den Kindern. Man könnte sagen, dass man das Leben mit ihnen teilen muss. Es wichtig gute Mitarbeiter zu haben, die lieben, zuhören und akzeptieren können. Akzeptieren - nicht wie wir die Kinder haben wollen, sondern wie sie wirklich sind. Und sie müssen verzeihen können und für die Kinder da sein. Die Jugendlichen wagen ihre ersten Schritte zurück in die Gesellschaft. Sie bekommen Wasser zum Trinken und Waschen. Wasser ist so wichtig in Haiti - es gibt kaum fließend Wasser, es wird alles in Tanks zu uns gebracht. Manchmal sieht man wie die Menschen hier das Abwasser benutzen, um sich zu waschen und um zu trinken. Es ist furchtbar. Wir haben eine Umfrage gemacht mit den etwas älteren Jungen und Mädchen, welche Werte ihnen wichtig sind. Das Wichtigste ist für sie Freiheit - man kann die Kinder nicht einfach wieder in eine Familie integrieren, sie würden nicht bleiben. Freiheit. Frei sein. Ich erinnere mich daran, wie ich einmal zwei Jungs aus dem Gefängnis geholt habe und sie bei mir hinten auf dem Pick-up saßen. Sie klopften an die Fensterscheibe und ich fragte sie, was los sei, ob etwas nicht in Ordnung sei. Sie sagten "Die Freiheit schmeckt so süß!" Wichtig ist auch Respekt. Don Bosco würde sogar sagen Liebe, aber das Minimum ist Respekt. Man darf ihnen keine Predigten halten, nicht versuchen, sie zu bevormunden. Neben Freiheit und Respekt sind ihnen aber auch Statussymbole wahnsinnig wichtig. Obwohl sie so arm sind, möchten sie gerne die neuste Mode tragen. Ich erinner mich an einen UN-Mitarbeiter, einen Italiener, der den Straßenkindern schöne Klamotten gegeben hat. Aber er hat sie ihnen nicht gegeben, sondern hingeworfen. Diese Art das zu tun… Als er gegangen ist, war er glücklich, weil er etwas Gutes getan hatte und er dachte, dass die Jungen sich freuen würden. Aber die Kinder haben Rasierklingen genommen, die Kleidung zerschnitten und dann weggeschmissen. Er hat nicht mit den Kindern geredet, hat nicht mit ihnen gelacht - er hat nur die Kleidung hingeworfen - so wie man Hühnern etwas Getreide hinwirft. Wir versuchen hier ihre Werte Freiheit und Respekt nie zu vergessen und zu akzeptieren, dass sie manchmal andere Werte haben als wir. Einmal habe ich einem Jungen, der ein Bein gebrochen hatte, einen Rollstuhl gekauft. Als ich ihn zwei Wochen später besuchte, hatte er den Rollstuhl verkauft um sich einen Fernseher zu holen! Einem anderen Jungen habe ich einmal fünf Dollar gegeben, damit er sich etwas zu essen kaufen kann. Als ich ihn zwei Stunden später wieder traf, war er betrunken. Damit müssen wir umgehen können. Ich würde gerne ohne Grenzen arbeiten, aber das geht nicht. Es ist so wichtig bei allen zu sein. Nicht nur bei den Guten. Wenn du den Kindern etwas gibst, dann bedanken sie sich "Danke Pater, Gott beschütze Dich." Aber wenn man solche Fälle hat, wie den Jungen der sich betrinkt - was soll man da tun? Ihnen auch das nehmen? Es geht nicht immer, aber man muss es versuchen. Don Bosco Mission: Obwohl die Arbeit in Haiti so schwierig ist, können Sie uns trotzdem von ein paar Lichtblicken erzählen, die ihre Arbeit bewirkt hat? Pater Stra: Gott sei Dank, gibt es auch viele positive Erfahrungen. Beispielsweise wird die Tage einer unserer Jungen sein Diplom zum Ingenieur machen. Vor ca. 20 Jahren war er ein Straßenkind. Ich erinnere mich daran, wie wir Weihnachten feierten. Ein einfaches Fest - wir haben gebetet und hatten etwas Reis, Hühnchen und Salat zum Abendessen. Jemand sagte mir, dass draußen ein Junge sitze. Er war wirklich sehr klein, vielleicht acht oder neun Jahre alt und fragte ob er zu uns kommen könnte. Ich gab ihm von unserem Essen, aber er sortierte den Salat aus - weil er es nicht gewöhnt war so etwas zu essen! Dann sagte er zu mir "Pater Attilio, ich geh nicht mehr weg. Ich möchte hier bleiben." Er blieb. Und heute ist er Ingenieur! Bei uns im Projekt arbeiten 15 ehemalige Straßenkinder als Erzieher. Als ich mir vor sechs Monaten das Bein brach, war eins unserer Straßenkinder mein Fahrer. Das hat er so gut gemacht, nicht nur das Fahren, alles. Heute gehört er zu unserem Team. Manche von ihnen sind in die USA gegangen. Vor einem Jahr kam einer von ihnen zurück und gab mir 20 Dollar. Er sagte "Pater, es ist nicht viel, aber ich möchte es Dir geben." Diese kleinen Dinge sind so wichtig. Das Wichtigste ist, in die Herzen der Menschen ein wenig Licht zu bringen - einen kleinen Hoffnungsschimmer. Ich erinnere mich an ein Mädchen, bevor sie zu uns kam war sie eine Prostituierte. Bei uns hat sie Kosmetikerin gelernt. Das mögen die Mädchen hier. USAID hat eine Schule in Port-au-Prince gegründet und sie suchten noch eine Kosmetiklehrerin. Vier Frauen haben sich dort vorgestellt - drei von ihnen waren professionelle Kosmetikerinnen. Dieses Mädchen ist dahin gegangen und hat den Job bekommen, obwohl sie selbst noch zur Schule gegangen ist. Sie war so stolz. Daran erinner ich mich - wie stolz dieses Mädchen war. Sie erzählte mir, dass man sie nun mit "Bonjour, Madame" anredete. Madame! Und sie sagte "Weißt Du, Pater, wenn meine beiden kleinen Jungs nun gefragt werden, wer ihre Mutter ist, müssen sie nicht sagen, dass sie Söhne einer Prostituierten sind. Sie können stolz sagen, dass sie die Söhne einer Lehrerin sind." Ihre Freude war so einzigartig. Als wir ihre Uniform gemacht haben, da sie sich als Lehrerin ordentlicher kleiden musste, war sie so glücklich. Es ist schön Menschen so glücklich zu machen. Am Ende bekommt man das, was man gibt. Wenn man nichts gibt, hat man nichts. Und wenn man sein ganzes Leben gibt, bekommt man auch sein ganzes Leben. Ich bin wirklich glücklich Salesianer in Haiti zu sein. QUELLE: DON BOSCO MAGAZIN